Mein Ausflug nach Tschernobyl – Eine unvergessliche Tour

Gastbeitrag von Friedrich.

 

Es mag sehr abgedroschen klingen…

…allerdings kann man diese Tour von Kiew nach Tschnerboyl nicht anders nennen: Einfach unvergesslich und einzigartig. Wenn man die ukrainische Hauptstadt nach Norden hin verlässt und ca. 120km über Schnell- und Landstraßen durch die ukrainischen Ebenen fährt, dann gelangt man zu der Sperrzone um das Atomkraftwerk Tschernobyl.

Der Stadteingang von Tschernobyl Stadt
Der Stadteingang von Tschernobyl Stadt

Ein Ausflug nach Tschernobyl: Eine unvergessliche, einzigartige Tour

Am 26. April 1986 wurden im Reaktor 4 des Atomkraftwerks mehrere Simulationen eines vollständigen Stromausfalls durchgeführt, die zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg und letztlich zu einer Explosion im Reaktor führten. In den folgenden zwei Tagen wurde versucht, dieses Unglück gegenüber dem Westen geheim zu halten, da man sich noch im kalten Krieg befand.

Am 28. April wurden erstmals in Schweden erhöhte Strahlenwerte gemessen. Nachdem jedoch ein Versagen der schwedischen Atomkraftwerke ausgeschlossen werden konnte, wurde aufgrund der Windrichtung ein Unglück hinter dem Eisernen Vorhang vermutet. Erst jetzt sprachen die sowjetischen Nachrichtendienste von der Katastrophe in der Ukraine.

Ein Schlafsaal des Kindergartens
Ein Schlafsaal des Kindergartens
Ein zurück gelassenes Püppchen

Checkpoint 30 Kilometer „Exclusion Zone“

Mit dem Reiseveranstalter SoloEast Travel kann man sowohl eintägige Gruppentouren für ab 79€ pro Person, als auch Einzeltouren, die auch über mehrere Tage gehen, buchen. Die Abfahrt ist früh am Morgen von dem Independence Place in Kiew in komfortablen Bussen, die auch nötig sind, da die Straßen ausserhalb Kiews gewöhnungsbedürftig sind. Lange Kleidung ist laut des Reiseanbieters Pflicht. Ebenfalls sollte man festes Schuhwerk anziehen, da man in den verlassenen Häusern viel durch Schutt- und Glasscherbenberge läuft.

Nach knapp zwei Stunden erreicht man den ersten Checkpoint der Sperrzone, an dem das Militär die Personalien von den Besuchern kontrolliert. Je nach Tag und Uhrzeit kann die Kontrolle auch etwas länger dauern, da seit 2011 – nachdem die ukrainische Regierung Tourismus in diese Region fördert – jährlich bis zu 1 Million Touristen dorthin fahren.

Roboter
Lenin

Dein Ausflug nach Tschernobyl: Zalissia Village

Direkt nach diesem Checkpoint hält der Bus am Rande des kleinen Dörfchens Zalissa. Hier erhält man einen ersten Eindruck einer Geisterstadt. Man wandert auf Waldwegen durch das Dorf, in dem sich vor 30 Jahren kaum Bäume befunden haben. Verfallene Häuser, in denen sich früher ein kleiner Supermarkt oder eine Bank befunden haben, befinden sich am Rande des Weges.

Nach etwa 400 Metern erreicht man das Gemeinschaftszentrum, in dem sich früher die Bewohner zu Theater oder Abstimmungen für Dorf Angelegenheiten eingefunden haben. Stück für Stück hat sich die Natur hier sein Reich zurückerobert: Bäume stoßen durch den Dielenboden und Wände fallen langsam ein.

Reaktor 4
Reaktor Block 5 und 6
Reaktor Block 5 und 6

Eine unvergessliche Tour: Tschernobyl Stadt

Nachdem man Zalissia Village verlassen hat, fährt man über erstaunlich gute Straßen in Richtung Tschernobyl. Die Straßen wurden aufgrund der Strahlung nach der Katastrophe komplett erneuert und befinden sich deshalb (noch) in gutem Zustand. Tschernobyl selber erstaunlich gut in Schuss: Inzwischen wohnen hier wieder über 4000 Menschen, die zum Beispiel am Reaktor 4 oder in der Administration arbeiten. Gepflegte Rasenflächen und Blumenbeete säumen die Straßen und fast scheint es einem, als ob man sich nur in einem verschlafenen ukrainischen Dörfchen befindet.

Nur hier und da entdeckt man ein verlassenes Haus, das langsam vor sich hin rottet. Neben einem Lenin Denkmal besucht man hier einen kleinen Friedhof. Nicht Verstorbene befinden sich hier, sondern Roboter, die bei den Aufräumarbeiten helfen sollten. Jedoch versagten bei vielen aufgrund der hohen Strahlenwerte die Elektronik oder sie waren nicht fähig, sich durch den Schutt zu wühlen. Infolge dessen wurden Menschen eingesetzt, die zynisch „Bio-Robots“ genannt wurden, um u.a. das Dach des Reaktors vom strahlenden Geröll zu befreien. Nach dem Besuch auf dem Friedhof der anderen Art geht es weiter zum Kern der Sperrzone

Das Gemeindezentrum in Zalissia
Woodpecker
Woodpecker

Checkpoint 10 Kilometer „Exclusion Zone“

Nach dem Passieren des nächsten Checkpoints, bei dem jedoch nicht mehr aufwändig die Personalien geprüft werden, wird relativ schnell ein nächster Stopp eingelegt. Hier kann man sich eine alte Kindertagesstätte anschauen. Alte Puppen und kleine Schlafsäle lassen den Ort etwas gruselig erscheinen. Schilder mit Warnzeichen vor Strahlung stecken hier am Wegesrand und machen einem bewusst, dass hier an manchen Stellen eine unsichtbare Gefahr lauert. Selbst direkt am Reaktor 4, dem Ort der Katastrophe, sind die Strahlenwerte inzwischen nur noch leicht höher als die normale Strahlung, die in jeder Stadt in Deutschland herrscht. Bei der Explosion damals wurde der Großteil des radioaktiven Materials in die Luft geschleudert und mit dem Wind über Europa verteilt.

Nur wenig hat die Zone selbst belastet, weswegen ein kurzer Aufenthalt von ein paar Tagen im Grunde nicht wirklich gefährlich ist. Bei einem Interkontinentalflug ist man zum Beispiel weit mehr Strahlung ausgesetzt, als an einem Tag in Tschernobyl! Die Menschen, die jedoch dort leben und arbeiten, haben einen Schichtdienst von 2 Wochen; nach Ablauf der Schicht, begeben sie sich zur Erholung ins Umland. Nur an manchen Stellen herrscht dauerhaft eine sehr hohe Strahlung – das sind sogenannte „Hotspots“. Die Guides, die die Touristen durch das Gebiet führen, kennen jedoch diese Orte und warnen immer davor. Bei unserem Reiseveranstalter konnte man auch einen kleinen Geigerzähler mieten, mit dem man dann jederzeit die Strahlung messen konnte.

Der Ortseingang von Prypjat
Der Ortseingang von Prypjat
Eine Straße in Tschernobyl Stadt

Ein Ausflug nach Tschernobyl: Reaktor 4

Weiter geht es auf der Landstraße in Richtung des Atomkraftwerks. Auf der rechten Seite erscheint ein kleiner künstlicher Fluss, der zur Kühlung des Kraftwerks gedacht war. Auf der anderen Seite des Flusses erscheinen die Reaktorenblöcke 5 und 6: Ersterer wurde nie in Betrieb genommen, letzterer nie fertiggestellt. Bei längeren Touren in das Gebiet werden auch diese Reaktoren besucht und man kann eins dieser gigantischen Fotos innerhalb der Kühltürme schießen.

Jetzt blieb aufgrund der 1-Tages-Tour nur Zeit für einen kleinen Besuch am Fluss, in dem sich riesige Welse befinden. Entgegen einiger Behauptungen sind diese jedoch nicht mutiert, sondern sind natürlich gewachsen. Nach der Umrundung des Reaktors wird auf der anderen Seite dessen ein Stopp eingelegt. Hier steht man gefühlt eine Steinwurflänge von dem Block entfernt, der vor 30 Jahren explodiert ist. Inzwischen ist dieser von einem metallenen „Sarkophag“ überzogen, der die erkaltete aber immer noch intensiv strahlende Magmamasse abschirmt.

Der Kulturpalast
Ein Schwimmbad in Prypjat

Im Zentrum der Katastrophe…

Nach der vergleichsweise langen Fahrt von Tschernobyl hin zum Kraftwerk dauert die Fahrt in das Prypjat, der bekanntesten Geisterstadt der Welt, nur kurze 5 Minuten. Obwohl Prypjat nur 4 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegt, wurde das Kraftwerk nach der Stadt Tschernobyl benannt, da das Kraftwerk vor der Stadtgründung Prypjats geplant wurde. Prypjat wurde 1970 gegründet und war als eine der modernsten Planstädte des Ostens für die Arbeiter des Atomkraftwerks gedacht. Zum Zeitpunkt der Katastrophe lebten hier knapp 50.000 Menschen, ein Drittel davon waren Kinder. Mit der Fertigstellung der Blöcke 5 und 6 sollte diese Stadt eigentlich auf 80.000 Einwohner wachsen.

Aufgrund des langsamen Informationsflusses wurde die Stadt erst 36 Stunden nach dem Unglück evakuiert. Den Einwohnern wurde am Mittag des 27. Aprils gesagt, dass sie sich auf eine mehrtägige Abwesenheit einstellen sollte. Innerhalb von 2,5 Stunden wurden die Einwohner mit 1.200 Bussen, die aus Kiew geordert wurden und ohne Reinigung danach weiter durch die Hauptstadt fuhren, verfrachtet und weggeschafft. Infolge der verspäteten Evakuierung litten viele Bewohner an Spätfolgen. Einige Einwohner glaubten nicht an das Unglück, da sie der Regierung misstrauten und starben innerhalb kürzester Zeit, nachdem in den folgenden Tagen radioaktiver Niederschlag auf die Stadt niederging.

Der Rummelplatz…
…in Prypjat

…die Stadt Prypjat

Wenn man vom Kraftwerk aus nach Prypjat fährt, wird langsam der Wald immer dichter. Ehe man sich versieht, ist man mitten in der Stadt. Dies ist neben den zerstörten Gebäuden und verlassenen Wohnungen auch mit das faszinierendste an der Stadt: Stellenweise ist der Wald hier so dicht, dass man die Hochhäuser nur noch schwer erkennen kann. Und das in einer Stadt, in der vor 30 Jahren kaum Bäume waren. In den folgenden Stunden haben wir uns die Stadt näher angeschaut. Zuerst ging es in einem 10-stöckigen Wohnhaus auf das Dach.

Nicht nur einen großartigen Ausblick auf das waldige Prypjat hatte man von hier aus, sondern man hatte hier auch die Möglichkeit direkt in die verlassenen und verwüsteten Wohnungen zu gehen. In den letzten Jahrzehnten wurden diese Wohnungen alle so sehr geplündert, dass man, außer ein paar Möbeln, einigen wenigen Gegenstände und viel Schutt und Glasscherben, nichts mehr vorfindet. Nach dem Besuch im trockengelegten Schwimmbad, das noch 10 Jahre nach der Katastrophe illegal in Benutzung war, ging es in eine alte Schule. Von dort aus führte unser Weg über den stillgelegten Rummelplatz zu dem Kulturpalast mit seinen Sporthallen, Theaterbühnen und Versammlungsräumen.

Die Stadt Prypjat
Die Stadt Prypjat
Der Kulturpalast

Ein Ausflug nach Tschernobyl: The Russian Woodpecker

Nach einem reichlichen Mittagessen, das bei der Tour inklusive war, ging es zu einem weiteren und letzten Highlight: Einem alten Radarsystem Duga. Woodpecker wird ein sowjetisches Kurzwellensignal genannt, das zwischen 1976 und 1989 überall auf der Welt auf Radiofrequenzen zu hören war. Das schnelle, klopfartige Geräusch hört sich wie ein Specht im Wald an, woher auch der Spitzname rührt. Das Radarsystem Duga gehört zu einer Raketenabwehranlage, die die Sowjets in der Ukraine und im Osten der Sowjetunion installiert hatten. Erst nachdem 1986 die Station Duga-3 nahe des Kernkraftwerks Tschernobyl schnell verlassen werden musste, gelangten Informationen darüber an die Öffentlichkeit.

Duga-1 und Duga-2 im Süden der Ukraine wurden mit Zusammenfall der Sowjetunion noch abgebaut. Davor wurde den Bewohnern der Gegend gesagt, dass es sich bei der Anlage um eine der modernsten Fernsehantennen handelt. Kommt man bei der Antennenanlage an, kann das Auge zwar die Anlage erfassen, aber die Größe und Dimension gehen einfach über den Verstand hinaus: 146 Meter ist die größte der beiden Antennenanlagen hoch und die Länge beider Anlagen beträgt 750 Meter. Die Luft von einem Summen erfüllt, das von dem Wind erzeugt wird, der durch die Stahlseile pfeift. Nach dem Besuch im Kontrollzentrum der Station beginnt die lange Rückfahrt nach Kiew.

Ein Gedenkpark in Tschernobyl Stadt
Ein Gedenkpark in Tschernobyl Stadt
Achtung Strahlung!

 

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Könntest Du Dir auch vorstellen, nach Tschernobyl zu fahren?

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2 thoughts on “Mein Ausflug nach Tschernobyl – Eine unvergessliche Tour

  1. Es sind genau die richtigen Fragen am Ende des Blogposts, die du gestellt hast: ich fühle mich, als wäre ich dabei. Auf der anderen Seite ist mir wohl bei der Distanz – auf der wiederum anderen ist es einer der spannendsten Posts, die ich seit langer Zeit gelesen habe; ich war richtig gefesselt! Mit Schicksalsschlägen jeder Art und dazugehörigen Orten hab ich mich eher schwierig – da ich in Thüringen lebe, hier aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, war ein Schulausflug im Rahmen des Geschichtsunterricht in das Konzentrationslager Buchenwald natürlich irgendwo unerlässlich, wie für viele umliegende Bundesländer natürlich auch. Es vermittelt Geschichte auf eine viel berührendere Art und Weise; wie wir traditionell als Klasse einen Blumenstrauß niederlegten und eine Schweigeminute hielten kann ich bis heute nicht vergessen. Auch das Gefühl des Besuchs insgesamt nicht – ähnlich geht es mir bei diesen Orten und Bildern. Katastrophen, die man hautnah (oder eben nahezu, über Bildschirm) mit erleben kann, lassen mich definitiv immer stark nachdenklich werden.

    Dennoch: danke dafür! Ich hatte ein großes Vergnügen beim Lesen – wenn auch auf andere Art und Weise, als bei gewöhnlicheren, fröhlichen Themen.

    1. Hallo liebe Jule!
      danke erstmal, für Deinen wirklich ausführlichen Kommentar 🙂
      Auch ich werde bei solchen Geschichten nachdenklich… ich schiebe auch schon lange einen Auschwitz Artikel vor mir her. Ich kann Dich da voll und ganz verstehen.
      Danke, für Deine Gedanken und hoffentlich bis bald!
      Liebe Grüße
      Esther

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